
Gerade ist wieder ein Mitglied des Betroffenenbeirats in der evangelischen Kirche zurückgetreten, die Vorsitzende Nancy Janz. Die Aufarbeitung der vielen Fälle von sexualisierter Gewalt dauert unerträglich lang. Anfang des Jahres zeigte sich, dass nur die Hälfte der 20 Landeskirchen die Verabredungen vom vergangenen März eingehalten hat – es ging um gleiche Entschädigungszahlungen im Föderalismus der Evangelischen Kirche in Deutschland. Während ich gerade einen Artikel und ein Panel zu diesem Thema vorbereite, lese ich im Netz kurze Auszüge aus dem Postfach von Jeffrey Epstein – den „Epstein-files“. Es ist erschütternd zu sehen, wie im weltweiten Netzwerk der Macht rund um Epstein Reichtum konzentriert und Deals geschlossen wurden – finanzielle und auch politische Deals. Und wie dabei Frauen und Mädchen, ja Kinder verletzt wurden und zu Schaden, ja zu Tode kamen. Wer das mit offenen Augen wahrnimmt, kommt nicht umhin, vom Netzwerk des Bösen zu sprechen. Von dem Bösen, das Leben zerstört, die Dinge auf den Kopf stellt, Kriege und Chaos auslöst. Und all das geschieht eben nicht nur da oben im Establishment; wobei die Vorstellung, dass diese Bosheit die Welt regiert entsetzlich ist. Es geschieht mitten in unseren Gesellschaften.
Ich denke an die unglaublichen Zahlen von Kinderpornographie im Netz und an die dahinter stehenden Gewalttaten, aber auch an die pornografischen Bots, mit denen andere beschämt werden. Und der Prozess um die mutige Giselle Pelicot in Frankreich hat die Frauenverachtung hinter den Vergewaltigungen und dem Verkauf einer schlafenden Frau ins Scheinwerferlicht gerückt. Trotz „Me too“: die Diskriminierung nimmt nicht ab. Sie nimmt zu – genauso wie die alter und behinderter Menschen, auch in Hilfseinrichtungen. In dieser Welt wünscht man sich die Kirche als eine Gegenwelt: eine Welt voll Respekt, einem freundschaftlichem Miteinander, in der vor allem die Verantwortungsträger und Verantwortungsträgerinnen empathisch und achtsam mit den Anvertrauten umgehen. Tatsächlich geschah und geschieht sexualisierte Gewalt aber gerade auch in unseren Gemeinden und Einrichtungen, an Kindern, an alten Menschen und Menschen mit Behinderung. Die ForuM-Studie der EKD; die 2004 veröffentlicht wurde, aber auf die sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der Kirche konzentriert war – die Diakonie wurde erst im zweiten Schritt einbezogen – zeigt 726 Betroffenen und 615 Beschuldigte – mit einer hohen Dunkelziffer.
„Erlöse uns von dem Bösen“, heißt es im Vater Unser – und ich bin froh, dass die frühere Fassung, in der vom „Übel“ die Rede war, überholt ist. Aber auch so fällt es vielen angesichts solcher furchtbaren Erfahrungen schwer, überhaupt noch zu beten, zu glauben, zu hoffen. Eine meiner ehemaligem Konfirmandinnen hat über Jahre sexualisierte Gewalt in der Familie erfahren. Sie ist inzwischen in ihren 50-ern und todkrank. Was sie erlebt hat, ist zu schlimm, um zu vergeben. Es ist ein Wunder, dass sie noch beten kann.
„Erlöse uns von dem Bösen !“ Wer dieses Gebet Jesu ernst nimmt – keine Frage, dass der das Böse kannte – und sich auf eine ehrliche Auseinandersetzung einlässt, wird erleben, dass und wie er oder selbst verwickelt ist. In den Strukturen, in lange gewachsenen Beziehungen, in eigenen Fehlern. Der Dienst an der Wahrheit ist herausfordernd. Aber genau darum geht es: Täter und Täterinnen, aber auch Helferinnen und „Helfershelfer“ zu identifizieren, das Schweigen zu brechen und sexualisierte, aber auch spirituelle Gewalt und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen beim Namen zu nennen – auch die eigene Schuld. Netzwerke und Abgründe gab es nicht nur bei Epstein, es gibt sie auch in Kirche. Wer das wirklich wahrnimmt, wer das Leben von Betroffenen und ihre Verletzungen kennt und immer wieder mit ihnen spricht, wird zutiefst erschrecken. Nur, wenn wir darüber reden, geschieht Befreiung.

Christiane Florin
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