
„Gestern Abend, kurz vor dem Zubettgehen, kniete ich plötzlich in diesem großen Zimmer zwischen den Stahlstühlen auf dem hellen Läufer. Ganz spontan. Zu Boden gezwungen durch etwas, das stärker war als ich selbst“ „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich Gott in mir trage“, sagte einmal ein Patient zu meinem Freund, „zum Beispiel, wenn ich die Matthäuspassion höre.“ Und mein Freund erwiderte etwa folgendes: In solchen Augenblicken spüre er die absolute Verbundenheit mit dem in jedem Menschen wirksamen schöpferischen Kräften. Und das Schöpferische sei doch ein Teil von Gott. Man müsse nur den Mut haben, das auszusprechen. (Etty Hillesum, Das denkende Herz, Rowohlt)
Das sind Gedanken aus dem Tagebuch der holländischen Jüdin Etty Hillesum, die am 30. November 1943 in Ausschwitz ermordet wurde. Die Juristin und Slawistin arbeitete lange als Lehrerin, zuletzt als Nachhilfelehrerin. In den Tagebüchern aus den letzten beiden Jahren ihres Lebens begleiten wir sie in der Zeit der deutschen Besatzung, als Juden immer mehr Einschränkungen erleben und die Deportationen nach Westerbork beginnen. Viele kennen diese Jahre aus den Tagebüchern der Anne Frank. Etty Hillesum, die zuletzt auch im Amsterdamer Judenrat mitarbeitete, wusste genau, was geschah- je mehr sie sich engagierte, desto mehr sah sie in die Abgründe. Zugleich aber geht sie einen spirituellen Weg, der einem manchmal die Sprache verschlägt.

In dieser Woche wurde der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Viel wurde seitdem über Eindrücke und Erwartungen gesprochen. Ist er ein „Schöngeist“, ein besonders spiritueller Bischof, der gleich mit einem Evangeliumszitat in seine erste Pressekonferenz geht? Wer ist der Bischof, der neben Platt auch Italienisch flüssig spricht, daneben natürlich Englisch und Französisch. Auch Wilmer war Lehrer – und später Generaloberer der Herz-Jesu-Priester weltweit wie in Rom vernetzt ist? Wird er Brücken bauen zwischen Rom und Berlin, zwischen Konservativen und Reformorientierten? Wird er die Anliegen des Synodalen Wegs vertreten – er, der doch all den Versammlungen dabei war und mit beschlossen hat? Und wie ist gesellschaftspolitisch aufgestellt? Hannover ist nah dran an dem schönen Hildesheim mit dem Dom, dem Rosenstock im Innenhof, dem Michaelsdom mit den wunderbaren Deckenmalereien. Nah genug, um auch in unserer Tageszeitung gelegentlich eine Feiertagsmeditation oder ein Interview mit Heiner Wilmer zu lesen. Daher wusste ich, was ich jetzt wieder las: Dass Wilmer Etty Hillesum liebt. Und dass er ein Buch über sie geschrieben hat. (Heiner Wilmer, Herzschlag – Etty Hillesum – Eine Begegnung, Herder)

„Das Leben und das Sterben, das Leid und die Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füßen und der Jasmin hinterm Haus, die Verfolgung, die zahllosen Grausamkeiten, all das ist mir wie ein einziges starkes Ganzes und ich nehme alles als ein ganzes hin“, schreibt sie. Diese Erfahrung des Ganzen, des Schöpferischen, die Verbundenheit, die Etty Hillesum spürt, finde ich auch in einem Brief des Paulus aus Ephesus an die Gemeinde in Korinth. Gut 400 km Luftlinie ist Korinth von Ephesus entfernt – und der tatsächliche Reiseweg ist viel länger. Trotzdem sind die Korinther und Korintherinnen jeden Tag in seinen Gedanken und Gebeten; er empfindet große Dankbarkeit für die gemeinsame Arbeit, die Verbundenheit. Er denkt an die Begabungen, das Engagement, den Reichtum der Gemeinde – er freut sich an den Menschen, die er dort kennt. So sehr, dass die Konflikte in Korinth für einen Augenblick in den Hintergrund treten.
Denn die Gemeinde in Korinth ist vor allem für ihre Streitfälle bekannt: schließlich mischten sich dort ganz unterschiedliche Kulturen und Gesellschaftsschichten. Zum Beispiel Sklaven und freie Bürger: Wenn die Sklaven zu spät zum gemeinsamen Abendmahl kamen, konnte es passieren, dass alle anderen schon satt waren. Zum Beispiel Judenchristen und Griechen, die vorher die antiken Götter verehrt hatten. Die einen fanden nichts dabei, das Fleisch zu essen, das den Göttern im Tempel geweiht war, die anderen sahen darin Gotteslästerung. Uneinigkeit gab es natürlich auch über die Frage, ob Frauen im Gottesdienst das Wort ergreifen durften, ob man sich von einem ungläubigen Ehepartner scheiden lassen sollte – ach, einfach alles, was für das Zusammenleben wichtig war, musste erstritten werden. Dabei ging es um Fragen, die wir kennen: Gerechtigkeit, Kulturkonflikte, die Rolle der Frauen… Da wurde sicher nicht weniger gestritten als heute im Kampf um den Synodalen Prozess hier in Deutschland.
Deshalb ist es erstaunlich, wie Paulus seinen Brief beginnt. „Ich denke Gott allezeit für die Gnade, die Euch gegeben ist. Durch die Gnade Gottes seid ihr in allem reich: in allem Wort, in aller Erkenntnis. Ihr habt keinen Mangel.“ Hat er vergessen, wie er dort attackiert wurde? Ich glaube nicht – vielmehr denke ich, dass es ihm geht wie Etty Hilllesum: „Das Leid und die Verfolgung, die wundgelaufenen Füße und der Jasmin hinterm Haus – all das ist ein einziges, starkes Ganzes.“ Der Streit und die Verbundenheit, die Begabungen und die Brüchigkeit in der Gemeinde gehören zusammen. Wie in einer großen Umarmung.

Noch einmal Etty Hillesum: „Ich war früh zu Bett gegangen und schaute durch das offene Fenster hinaus. Und mir war wieder, als wäre das Leben mit all seinen Geheimnissen mir nahe, als hörte ich seinen leisen, regelmäßigen Herzschlag. Ich fühlte mich sicher und beschützt und dachte: Es ist Krieg. Es gibt Konzentrationslager. Wenn ich die Straßen entlang gehe, weiß ich von vielen Häusern: Dort ist der Sohn im Gefängnis, dort wird der Vater als Geisel gehalten, dort ist das Todesurteil eines 18-jährigen zu beklagen. Ich weiß von Verfolgung und Unterdrückung, von Ohnmacht und Hass und dennoch: Ich liege an der nackten Brust des Lebens und seine Arme legen sich beschützend um mich und sein Herzklopfen ist so regelmäßig und leise, ach auch treu, als wollte es nie aufhören. Und auch so gut und so barmherzig.“
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