Kaspertheater

– Politik zwischen den Wahlen –

Der riesige Karton , in dem gestern der neue Sessel gebracht wurde, steht noch im Hauseingang. Mein Mann holt die Papierschere – das große Ding muss klein gemacht werden. Schade, dass wir keine Kinder in der Nähe haben – das wäre ein wunderbares Spielhaus oder ein Laden. Oder ein tolles Kasperletheater.

So eins hatten wir. Aber nicht aus Karton, sondern stabil aus Sperrholz. Mein Vater hatte es mir gebaut, als ich klein war. Es war hellblau gestrichen mit gelben Sonnen und Sternen drauf. Bald schon bekam ich schön geschnitzte Kasperlepupen dazu: Kasper und Seppel, den Polizisten und die Großmutter,  ein riesiges Krokodil und einen Raben. Daraus entwickelte ich dann bald meine Stücke – spielte meinem jüngeren Cousin vor, später meinen kleinen Schwestern. Langweilig war es nie – denn mit den Reaktionen des „Publikums“ entstanden immer neue Wendungen und Spielausgänge.

Wie das so ist, blieb das Theater noch lange in der Familie, bis es bei einem Umzug ausgemustert wurde. Ich sehe es noch mit den alten Sesseln auf der Straße stehen : Ein kleines Mädchen und ihre Mutter waren ganz entzückt und haben es mitgenommen. Da konnte die Geschichte von vorn beginnen.

Am Kasperletheater habe  ich das Theater kennengelernt. Es sind ja die traditionellen Figuren der Commedia del Arte, die da vorkommen. Typen eben: der Provokateur zum Beispiel und die Staatsmacht. Während ich darüber nachdachte, fiel mir das Singspiel auf dem Nockherberg ein, in das ich vor kurzem auf dem Bildschirm hineingestolpert bin. Da waren sie alle wieder: der Drachentöter und der Bettelmönch, die Marketenderin und die Raben -Politik als Kaspertheater. Friedrich Merz, der Drachentöter ist verzweifelt, weil er den Drachen allein nicht erlegen kann. Und der Oberbürgermeister von München wird zum Bettelmönch, weil er Mittel vom Land braucht. Schematische Erzählungen zu den Geschichten, die wir gerade in der Politik sehen.

Nun folgten im Theater auf die traditionellen Figuren die Charakterköpfe: einzelne, erkennbare Personen, Individuen, die ihre Chance ergriffen, ihr Scheitern erlebten, ihre Verantwortung wahrnahmen– das erwarten wir ja bis heute von guter Literatur , auch dann, wenn eine alte Erzählung hindurchschimmert. Das Singspiel war allerdings ein Anstoß, darüber nachzudenken, wie es heute in der Politik damit steht. Das Stück sei zu scharf gewesen, zu unbarmherzig, meinten einige. Aber das ist nicht meine Kritik. Mir fehlen oft die Charakterköpfe – nicht nur am Nockherberg, sondern auf dem politischen Parkett.

Mit der Wahl in Baden-Württemberg wurde gerade einer gewählt. Cem Özdemir ist mit seiner Geschichte eine eigenständige Person – er ist erkennbar und gerade das macht offenbar vielen Mut und Hoffnung. Er geht nicht auf im Parteiprofi; die Reibung wird ja immer wieder in den Mittelpunkt der Kritik gestellt. Und für manche passt er auch nicht in das Bild eines Ministerpräsidenten. Ich meine: Es wäre langweilig, wenn wir nur noch die erwartbaren Typen wählen und damit vergangene Erfahrungen höher werten als die lebendige Gegenwart mit ihren Reibungen und Konflikten, aus der die Zukunft erwächst. Ich möchte Menschen sehen, keine Typen. Für manchen ist das provokativ, aber so bewegt sich die Geschichte voran. Womit ich nicht sagen will, dass Özdemir der Kasper in der Geschichte ist – aber ein Sympathieträger ist er auf jedem Fall.

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