Körperzeit

woman in white shirt and beige pants touching black yoga mat
Photo by Vlada Karpovich on Pexels.com

Der Körper hat seine eigene Sprache“, sagt Andrea, meine Trainerin. „Manchmal ist es nicht ganz einfach, die zu verstehen“. Dann musst Du ausprobieren, was geht oder auch nicht geht, die richtigen Antworten und Übungen suchen, bis Du eine Lösung hast für das Problem. Und tatsächlich gelingt das mit Andrea oft. Ich bin „heilfroh“, dass wir uns schon lange kennen – es sind nun fast 10 Jahre. Yoga, Pilates und Walken in der wunderbaren Eilenriede – das hat immer gut getan. Nach einer längeren Pause arbeite ich jetzt wieder mit ihr und suche Lösungen für meine Rückenschmerzen, für meinen Nacken. Und mit Geduld finden wir die fast immer.
Andrea findet auch dann die richtigen Übungen, wenn sonst nicht mehr viel geht. Ist es ihre Ausbildung? Sind es Ihre Erfahrungen? Die Reisen nach Ostasien, die sie gemacht hat? Sie weiß viel, kann mir viel erklären. Vor allem aber ist es ihre Empathie. Mit ihr wird meine Körpergeschichte lebendig: der doppelte Schlüsselbeinbruch vom Bockspringen, der lädierte Nerv an meinem Bein, meine Schultern, die viele schwere Taschen getragen haben, Narben, die von Operationen erzählen. Eigentlich vergesse ich das alles lieber. Nach jeder Krankheit habe ich so schnell wie möglich verdrängt, was war – ich war ja wieder gesund.

Jetzt, ziemlich spät, fange ich an zu begreifen, dass Heilung nur gelingen kann, wenn wir uns unserer Geschichte stellen. Was politisch gilt, das gilt auch ganz persönlich. Auch für den Körper. Dabei merke ich: die Geschichte meines Körpers ist mit anderen Geschichten verbunden. Die Schlüsselbeingeschichte zum Beispiel mit meiner Grundschullehrerin, die mir damals Sportunterricht gab und viel erwartete. Die Narbe lässt mich an meinen Neffen denken, damals ein Knirps, der sich gleich am ersten Tag im Krankenhaus auf mein Bett setzte und davon ausging, dass das Essen für ihn serviert wurde. Und auch die Natur spielt eine Rolle bei solchen Erinnerungen: beim Walken denke ich an den Rhein, an dem ich jahrelang entlang gelaufen bin. Und wenn ich daran denke, im Frühling wieder in der Eilenriede laufen zu können, dann höre ich Vogelzwitschern. Körpergeschichte erzählt nicht nur von Schmerzen oder Krankheiten, sondern auch von Arbeit, Glück und Liebe. Ich vergesse das oft, wenn alles nicht so „läuft“ wie ich will. Aber wenn ich mich bewege und wahrnehme, was ist, dann werde ich durchlässig für dieses wunderbare Gefühl.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben scrollen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x