
Seit einiger Zeit versprechen Coach: innen, ihre Klient: innen mit Manifestationen zum Ziel zu führen. Mich erinnerte das zuerst einmal an meinen Lateinunterricht. Eine Manifestation ist ein Sichtbarwerden des Unsichtbaren. Wenn es in der Bibel heißt, Jesus Christus sei „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“, dann heißt das: In ihm wird Gott sichtbar und greifbar.
So wie Manifestation im Coaching gebraucht wird, scheint es zuerst mal um Psychologie zu gehen. Du stellst dir intensiv vor, was du haben, machen oder sein willst – eine neue Aufgabe, ein neues Projekt, eine Reise nach Ostasien. Zeichne ein Bild davon oder schneide ein Foto aus einer Zeitschrift aus, formuliere einen Claim und klebe all das auf ein Vision-Board, das Du dahin hängst, wo du es täglich siehst. Was wirst du tun, um diesen Traum in dein Leben zu holen? Vielleicht sogar die Spur zu wechseln?
https://www.instyle.de/lifestyle/vision-board-erstellen-wie-erfolgreiche-menschen
„Manifestieren heißt nicht, auf etwas zu hoffen“, schreibt Ursula Karven, die Schauspielerin, Autorin und Yogalehrerin in ihrem Newsletter. „Es heißt, dich innerlich so auszurichten, dass du und das Leben, das du leben willst, in Resonanz gehen können. Manifestation ist kein Wunschkonzert, sie ist ein Lebensstil. Deine Entscheidungen, deine Gefühle, deine Muster und deine Handlungen werden zu dem Boden, auf dem Neues überhaupt erst wachsen kann.“
Auch vom Beten sprichst sie. Geht es da um einen ähnlichen Zusammenhang? Ich erinnere mich an eine alte Freundin meiner Mutter, die uns besuchte, als ich ein kleines Mädchen war. Gisela war Ärztin und Heilpraktikerin, sie kam mit einer kleinen Gruppe von Freund: innen und lebte ein paar Tage in unserer Familie. Ich hatte sie fast vergessen – gerade erst fiel sie mir wieder ein. Sie saß mit ihren Freunden bei uns am Tisch und kam mit festen Geboten: Kein Fleisch, viel Obst und Gemüse, und nach 16.00 Uhr gar nichts mehr essen. Regelmäßig wurde im Kreis gesungen und gebetet. Auch und vor allem um Geld. Denn die Portemonnaies der Gruppe waren leer. Aber Gisela war sich sicher, dass Gott ihnen geben würde, was sie brauchten. Auch durch gastfreundliche Leute wie meine Eltern. Sie hatte diese Erfahrung wohl mehrmals gemacht. Mir war das peinlich. War das nicht eine Art fromme Erpressung? Ein Missbrauch des Gebets?
Dass Beten und Handeln übereinstimmen müssen, davon erzählen die Gleichnisse Jesu. Der Mann, der Gott um das tägliche Brot bittet, soll auch seinem Nachbarn geben, wenn der hungrig ist. Mein Leben soll in Resonanz mit meinem Gebet sein. Da hat Ursula Karven recht. Vielleicht waren die Heiligenbilder vergangener Zeiten etwas Ähnliches wie die Vision-Boards unserer Tage. Sie richteten Menschen aus auf dem Weg, ein neuer Mensch zu werden. Bei Prozessionen trug man sie vor sich her.
Es geht beim Manifestieren also doch nicht nur um Psychologie. Es geht um Spiritualität, um Esoterik – um die Frage, wie das Transzendente immanent wird, die nächtlichen Träume in den Tag kommen, wie das Leben neu wird. Aber bitte kein Missbrauch mit dem Beten. Wenn ich handeln könnte, soll ich nicht im Traum stehen bleiben. Wenn mein Gebet nur die Idole unseres Alltags auf den Thron hebt – dann manifestiere ich bloß das ohnehin Bewunderte: Reichtum, Geld und Macht. Beten wird dann ein bloßes Ritual – leeres Wortgeklingel. Meine Erfahrung: Die religiösen Texte und Traditionen können helfen, zu klären, worauf es tatsächlich ankommt.
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