Mein altes Russischbuch und die englischen Blogs

Auf meinem Schreibtisch liegt noch das alte Russisch-Buch, das ich vor vier Jahren herausgesucht habe. Es stand lange ungenutzt im Regal, jetzt schien es einen Sinn zu bekommen. Russisch ist eine schwere, zugleich aber faszinierende Sprache – wenn ich nur an die Aktionsarten denke… Trotzdem: es gab nicht viele Anknüpfungspunkte während meiner Schulzeit- die einzige Brücke waren die Klassiker. So habe ich damals nach einem Jahr aufgegeben. Und jetzt ?

Ich habe mir noch Material zum schnellen Einstieg in die Sprache gekauft. Denn als ich zu Beginn des Krieges die Bilder aus Russland sah – Kriegswerbung auf Lastwagen, Graffitis an Häusern, Schlagzeilen in Zeitungen-, da wollte ich wenigstens die lesen können, um mehr zu verstehen. Es war ja bald klar, wie Russland die Grenzen verschob, geopolitisch ein neues Gewicht bekam. Dann aber wurde mehr und mehr klar, dass ukrainisch auch auf dem Donbass die russische Sprache verdrängte. Putins Sprachpolitik ist nicht aufgegangen – der Selbstbehauptungswille der Ukrainerinnen und Ukrainer war so stark, dass ihre Sprache auf Ukrainisch umstellten. Denn man konnte sehen: Es ging und es geht Putin  um die Zerstörung der ukrainischen Kultur – in Museen, Theatern und Musikgruppen, Rituale und Gewohnheiten. Und zugleich um die „Russifizierung“ der gestohlenen Kinder, deren Familien zutiefst traumatisiert zurückblieben.

Inzwischen erinnere ich mich wieder an meinen Russischlehrer. Lange vor dem Mauerfall aus der DDR geflohen, war er offenbar überzeugt, dass wir das Russische einmal wieder brauchen würden. Nicht nur als Sprache der Freundschaft. Tatsächlich hatte er Recht – trotzdem kam ich schnell an einen Punkt, an dem ich lieber Ukrainisch lernen wollte. Aber das bleibt wohl ein Traum. Stattdessen lese ich die vielen  Blogs, die auf Englisch erscheinen. Auch daran zeigt sich die Grenze zwischen Russland und dem Westen. Die Ukraine versteht sich als Teil des Westens – die Lingua franca ist jetzt Englisch. Putins imperialer Kampf ist nicht unbeantwortet geblieben.

„Kiew Independent“, erscheint auf Englisch. Der Newsletter informiert zuverlässig über neue Entwicklungen. Die Chefredakteurin, Darina Tschewtschenko, gab Interview zum 4. Jahrestag und scheute sich dabei nicht auch von den inneren Problemen der Ukraine zu sprechen – von der Korruption und auch von ihrer Sorge, dass es Rückschritte in Sachen Demokratie geben könnte. Dass das Land im Kampf dem Feind ähnlich werden könnte, weil man sich im Kampf auch selbst verlieren kann. Und abends, meist am späten Abend, lese ich den Blog von Angelica Shalagina @angelshalagina. Die Journalistin, die im Donbass lebt, schreibt täglich ganz kurze Statusmeldungen aus ihrem Alltag. Über die seltene Chance zum Duschen, die Tasse Kaffee auf dem Campingkocher, über vermisste, gefangene, gefallene, nein  ermordete Freunde und Freundinnen und das  Pfeifen der Raketen gleich neben ihrem Haus.

Heute schreibt Angelica: „2022 – 2026: 4 years of war. Still standing.“ Gestern warb sie für ihren Online-Store – ja, tatsächlich. „While Missiles try to destroy, Ukrainies keep creating. In my Etsy Store, you’ll find beautiful items made by Ukrainian makers. Artists who choose resilience over fear.“ Ich fürchte mich schon, wenn ich nur die imperialen Ansprüche Russlands wahrnehme. Auf dem Schlachtfeld wie in den Medien. Nicht  nur, was die Drohnen angeht, können wir von der Ukraine lernen. Sondern auch und vor allem, was uns stark macht: Resilienz, Kultur, unsere Kreativität und unsere Sprache- am liebsten die eigene. Aber sonst auch eine, in der wir von den richtigen Leuten gehört und verstanden werden.

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