Nahost und Tourismus

30.000 Touristen sollen am Golf festsitzen. An den Flughäfen in   Dubai oder Doha, den großen  Drehkreuzen für einen Zwischenstopp zwischen Europa und Asien – da liegen die Leute jetzt auf den Bänken, auf dem Boden. Glücklich, wer eine Yogamatte dabei hat. In den Hotels, den Touristenhochburgen mit Bars und Swimmingpools, sitzen sie im Erdgeschoss oder schließen sich nachts im Badezimmer ein für den Fall, dass eine Rakete oder Drohne die oberen Stockwerke trifft. Den Burg al Arab sahen wir ja schon brennen und auch die Palm Islands wurden getroffen. Beides Symbole für ein Traumziel des Tourismus. Dubai – die Stadt mit der Goldschokolade. Die Shopping-Malls mit allem, was das Herz begehrt. Dubai war längst um Mythos geworden.

Ich muss zugeben, dass ich die aufstrebenden Golfstaaten bei meinen Besuchen dort immer etwas künstlich fand. Nicht nur wegen der künstlich gestaltete Inseln, sondern auch, weil die Strände dort so gar nicht in die kulturelle Landschaft passen. Überall europäische oder amerikanische Touristen mit weißer, sonnenempfindlicher Haut – hier und da eine Frau im Bikini, obwohl ausdrücklich gebeten wird, sich an die religiösen Sitten zu halten. In der Hitze auf den Boulevards scheint das zu passen: Frauen im schwarzen Nikab, Männer in weiß. Die entsprechenden Püppchen für den Kühlschrank kann man hier kaufen. Wie Kuckucksuhren im Schwarzwald. Wie anderswo die indigene Bevölkerung sind die Einheimischen hier in der Minderheit – überschwemmt von Touristen und Arbeitern aus Fernost, die die neuen Städte bauen.

Das gab das Gefühl, in the middle of nowhere zu sein – in einer Location, wie wir sie überall finden können. Dass gleich nebenan religiöse Diktaturen sind, in denen Freiheit nichts gilt, vergisst man leicht angesichts der dargestellten Dialogbereitschaft und Toleranz, angesichts der boomenden Sonderwirtschaftszonen, der Zentren von Pharmakonzernen und moderner Medizin und der Museen. Aber in den Schulen sitzen Palästinenser, ihre Väter arbeiten auf billigen Jobs im Land.  Meist ohne Papiere zu geringem Lohn. Nur kaum jemand begegnete  ihnen. Hierzulande schwärmte man von der Goldschokolade, während im Iran viele hungerten.

Jetzt wollen alle weg. Plötzlich begreifen wir: dieses Nowhere liegt im Nahen Osten. Der Iran, der gerade tödliche Drohnen und Raketen schickt, ist gleich nebenan. Jetzt musss man sich im Auswärtigen Amt nicht nur Gedanken über die Ausreise der Deutschen machen, die im Iran, im Libanon oder in Israel leben, sondern auch darüber wie die deutschen Touristen nach Hause kommen. Wozu die Tourismusunternehmen verpflichtet sind, wozu der Staat und wieviel Eigenverantwortung man erwarten kann. Zunächst aber und vor allem kreisen die Fragen aber um das Völkerrecht, die „Enthauptung“ des mächtigen Religionsführers, um Raketen und Atomprogramm – die harten Fragen. Die unlösbaren. Die fremde, oft  erschreckende Wirklichkeit, von der man sich doch im Urlaub   erholen will.

Vor einigen Jahren war ich – damals bei der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Nahen Osten zuständig – öfter am Golf und auch in Teheran. Ich erinnere mich an die kleinen Zeichen eines Aufbruchs und die Anspannung in der Luft: Die Frauen, die ihre Haare unter dem Kopftuch hervorblitzen ließen, den interreligiösen  Dialog, den wir  mit den Schiiten im Iran und der Kirche von England führten. Die Hoffnung, dass all das Zukunft haben könnte. Dass das Land sich verändern könnte. Ich denke an die bildungsbürgerlichen Diskussionen in der Uni, in den Wohnzimmern und an die Kopftücher, die ich selbst trug – grau über bunt! Teheran ist eine Stadt mit zauberhaften alten Boulevards vor schneebedeckten Bergen. Ich habe mir immer gewünscht, das noch einmal zu sehen, die Menschen dort noch einmal zu besuchen. In diesem einzigartigen Land, um das zu kämpfen sich lohnt. Für Frauen, Leben, Freiheit und Demokratie. Gerade weil  davon so vieles in Trümmern liegt.

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