Foto-Coaching

Je älter ich werde, desto weniger gern werde ich fotografiert. Und ich würde mich nicht wundern, wenn es vielen Frauen meiner Generation so geht. Jedenfalls las ich neulich, es gebe deutlich weniger Bilder von älteren Frauen als von Männern in dem Alter. Natürlich gab und gibt es immer wieder Fotos von mir: Handyfotos, private Foto, Pressefotos. Daran habe ich mich gewöhnt, als ich Pfarrerin wurde. Gewöhnt, in allen möglichen privaten Fotoalben zu kleben – natürlich in Aktion und ohne charmantes Lächeln. Nicht anders ist es mit Pressefotos. Erst später, beim Erscheinen, sehe ich meist genauer hin. Und schlucke meine Unzufriedenheit runter. Schließlich kommt es auf Schönheit nicht an, sondern auf Wirksamkeit. Oder?

Manchmal denke ich an meine Nichte, die schon im Grundschulalter genau wusste, wie sie sich positionieren solle: immer aufgerichtet und mit einem süßen Lächeln. Ich denke, das galt nun für ihre ganze Generation. Kinder, die mit dem Fotoapparat der Eltern aufwuchsen und die sich heute die Welt mit Selfies erobern. Handyfotos sind ihnen so vertraut wie der Spiegel. Oder noch mehr? Im Handy gibt Foto Shop und Filter. Und die Gefahr, dass Fotos stereotyp werden. Dabei sollen sie mir doch eine Geschichte erzählen.

Das Foto ist ein Spiegel der Person. Im Foto kann ich mich selbst studieren: Wie ging es mir? Wie war ich gestimmt? Sieht man, dass ich gerade Kopfschmerzen habe? Tatsächlich sehe ich, was ich lieber versteckt hätte. Im Idealfall überlege ich mir das, bevor ich fotografiert werde. Viel besser ist es allerdings, wenn ich ein Gegenüber finde, das mit mir überlegt. So wie Shahnaz Taheri-Coerdt vom Fotostudio Lill.

Schon als ich reinkam, fragte sie, ob ich ein Problem mit meinem Rücken hätte? Schließlich sei es wichtig, dass ich unverkrampft und aufrecht stehe. Als sie das mit mir ausprobierte, fühlte ich mich wie beim Yoga. Aufrecht stehen, als hätte ich eine Krone auf dem Kopf. Und nach dem Yoga kam die Typ- und Farbberatung: Welche Bluse, welche Jacke würde auf dem Foto gut aussehen? Sie kam auf die Idee, eine Jacke als Pulli zu nutzen und suchte auch das Richtige aus dem Schmuckbeutel aus. Und dann ging es erst richtig los, das Fotocoaching: Ein Wort erinnern, das ich besonders mag, eine Geschichte erzählen, zur Ruhe kommen und zuhören. Tatsächlich waren wir längst im Dialog. Fotografieren als Coaching; ich bewundere Shanaz Taheri-Coerdt für diese Kompetenz. Und tatsächlich – so sehe ich mich gern im Spiegel. Und natürlich hoffe ich, dass auch andere mich gern ansehen. Wenn ich rede oder zuhöre. Und dass sie gern mit mir ins Gespräch kommen. So wie neulich meine Fotografin. Ihre freundliche Mail mit der Rechnung hätte mir fast Lust gemacht, nochmal hinzugehen. Obwohl ich eigentlich nicht gern fotografiert werde.

Die vielen Handyfotos und Selfies haben die professionelle Fotografie nicht überholt. So wenig wie die Fotografie die Porträtmalerei nicht überholt hat. Leider habe ich so ein Angebot vor Jahren abgesagt – aus den bekannten Gründen. In Edgar Reitzs Film „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ von 2025 geht es um das Entstehen eines Porträts des großen Wissenschaftlers, Philosophen und Gartengestalters aus Hannover, an dem der Hofmaler scheitert. Er bedient lediglich die Stereotype des Intellektuellen. Alles ändert sich, als die holländische Malerin Aaltj Van De Meer die Szene betritt. Während der Hofmaler Leibniz auf seinen Platz dirigiert, kommt die Malerin mit dem Menschen Leibniz ins Gespräch, sie fühlt sich in ihn ein, denkt über Wissenschaft und Wahrheit nach und geht mit ihm innere Wege, damit er im Außen erkennbar wird. Das Bild wird in diesem Film nicht fertig, aber das wirklich spannende ist dieser Prozess, der alle Traditionen überholt. Auch die, dass Maler natürlich Männer sein müssen. Tatsächlich hat meine Fotografin mich an Aaltje Van De Meer erinnert. Vielleicht kommt es am Ende nicht auf die Technik an, sondern auf den klugen Kopf und Herz hinter Palette, Handy oder Kamera.

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