
Die Friedenskirche in Rheydt ist von außen erhalten geblieben, im Inneren befinden sich Wohnungen.
Mindestens ein Drittel der kirchlichen Immobilien in Deutschland sind angesichts des Mitgliederschwundes überflüssig. Das wissen wir nicht erst seit heute. Die Kirchen müssen zusammenlegen, verkaufen, vermieten oder umwidmen. Keine leichte Herausforderung, zumal das nicht einfach von oben herab beschlossen werden kann. Hier haben die Gemeinden das entscheidende Wort mitzureden – und auch auf die Wohnbevölkerung in der Nachbarschaft kommt es an.
Die HAZ widmete dem Problem kürzlich eine ganze Seite, auf der auch die erfolgreichen Projekte aus Hannover vorgestellt wurden: Der Umbau einer Kirche zum Studierendenwohnheim, einer anderen zum Haus der Religionen, der Verkauf an die liberale Synagoge. In Lüneburg will die Kommune ein Stadtteilhaus aufgeben und in die Kirche ziehen, anderswo wird eine Kirche zum Dorfzentrum. Aber noch sind das Einzelfälle. Bei 2000 Sakralbauten im Bereich der Landeskirche gab es bisher 21 Entwidmungen.
Die Ideen sind nicht neu. In meiner Geburtsstadt Rheydt wurde die Friedenskirche schon in den 1970-er Jahre zu Sozialwohnungen umgebaut. (Oben ein Foto dazu) In Köln wurde eine Kirche zum Café“ Glück und Seligkeit“. Und in den Niederlanden sind höchstens noch die Hälfte der Gebäude im kirchlichen Gebrauch. Auch die Idee, Kirchen, Gemeinde und Stadtteil vielmehr aufeinander zu beziehen und damit die Quartiersentwicklung voranzutreiben, ist schon 30 Jahre alt und seit der Gründung des Wickrather Gemeindeladens eines meiner persönlichen Herzensthemen. Inzwischen sind die entsprechenden regionalen Strukturen in vielen Landeskirchen entstanden. Die Knappheit an Ressourcen führt nun endlich dazu, dass die viel diskutierten Transformationen tatsächlich Fahrt aufnehmen. Wie komplex ein solcher Prozess ist, konnte man in den letzten Jahren hier in Garbsen erleben, wo zwei Kirchengemeinden mit sehr unterschiedlichen Sozial- und Frömmigkeits-Profilen sich vereint haben und dabei ein Zentrum aufgaben. Wäre der Prozess etwas früher und schneller vonstattengegangen, wäre die Stadt möglicherweise an einer der Immobilien interessiert gewesen.
Noch bis Anfang Oktober kann man im Ruhrgebiet die Manifesta besichtigen. Unter dem Titel „This is not a church“ wurden 250 aufgegebene Kirchen in Duisburg, Dortmund, Mülheim, Essengezeigt. Jetzt kann man dort Columbarien, Kindergärten, Kletterkirchen und Stadtteilzentren finden – und in diesen Wochen spannende Kunstprojekte. Hier im Ruhrgebiet entstand 2024 eine Oline-Petition auf Basis eines Manifests unter dem Titel „Kirchen sind Gemeingüter“ (hier) die inzwischen 23.000 Unterschriften sammelte. Ich gehöre zu den Erstunterzeichner:innen.
In den Jahrzehnten nach 1945 wurden in Westdeutschland so viele Kirche gebaut, wie in keiner Von „Pantoffelkirchen“ sprach man damals – dahinter steckte der Anspruch, jeder sollte eine Kirche in der Nachbarschaft haben, zu der er oder sie auch in Hausschuhen gehen könnte. Inzwischen erreichen viele die Kirche ihrer Wahl nur noch mit dem Auto oder Fahrrad. Da kann es eine Freude sein, wenn schöne alte Gebäude einer andern Aufgabe zugeführt werden. Auch in einem schönen Restaurant kann man durchatmen. Da wird ganz deutlich, dass Kirchen mehr sind als ein Gebäude mit einer bestimmten Funktion. Es sind Wegmarken, Orte zum Innehalten, Häuser ders nachdem sie zur Debatte gestellt, umgewandelt und wie neu geschaffen sind.
Immer noch tut sich meine evangelische Kirche schwer, ihre Räume so zu sehen – als Orte für das gesamte Gemeinwesen- und sie auch gemeinsam mit den Nachbarschaften zu gestalten, zusammen mit Städten und Bundesländern zu verwalten. Dabei waren gerade die Gemeindehäuser, die im 19. Jahrhundert gebaut wurden und auch die Kirchen, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden, dritte Orte für alle – vom Posaunenchor bis zum Handwerkerverein. Und das können Sie in neuer Gestalt wieder werden. Orte für alle, nicht kommerzielle dritte Orte. Es kommt darauf an, dass wir uns nicht in kleinlichen Kämpfen verlieren, sondern im Mangel groß denken – über den Tag hinaus.
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