Die große Pause – Sabbatzeit

Um mich herum wird es still. Einer nach dem anderen zieht sich ins Private zurück – zu Beginn der Urlaubswochen ist es ein bisschen wie Weihnachten oder Ostern. Nacheinander verabschieden sich Team-Mitglieder, Kunden, Friseur und Kosmetikerin. Und auch in meinem Kalender ist Termin-freie Zeit. Auf den Straßen ist es ruhig, am nahen See ist die Laufstrecke wie ausgestorben. Nur wenige Kinder sind in der Hitze auf dem Spielplatz – das Wasser an der Rutsche ist abgestellt. Einzig die Gänse machen Spektakel.

Seit letzter Woche hat auch der Bundestag Parlamentspause. Und die politischen Talkshows und Magazine stellen die Arbeit ein. Der Hinweis, die alten Ausgaben könne man ja in der Mediathek nachsehen, kommt mir allerdings verrückt vor. Denn es ist ja nicht so, als gäbe es in diesen Wochen keine politischen Fragen, keine gesellschaftlichen Debatten, nur weil das Parlament nicht tagt. Eigentlich ist jetzt die Zeit der Sommerinterviews; aber die Besonderheit dieser politischen Gespräche sei nicht mehr zu erkennen, meinte kürzlich ein Beobachter: kein Blick aus der Distanz, keine neue Perspektive.

Genau das erhoffe ich mir aber von diesen Wochen: Eine neue Perspektive, die die Arbeit des ersten Halbjahrs kritisch Revue passieren lässt. Die Transformation aus der Stille. Ich habe nämlich manchmal den Verdacht, dass die Geschwindigkeit, mit der die verschiedenen Reformvorhaben vorgestellt und debattiert werden, auch dazu dient, das eine oder andere ohne Aufsehen durchzusetzen. Abgesehen von den durchdachten Vorschlägen – der Staatsreform – oder der Rentenkommission diskutiert das Land über Einzelmaßnahmen, deren Sinn sich nicht unbedingt erschließt. Wenn dann in der letzten Sitzungswoche vor dem Parlamentsferien soviel Druck im Kessel ist, wächst bei mir die Skepsis.

Aber jetzt, denke ich, jetzt lohnt es sich, mit Abstand auf die Debatte zu schauen. Was sind die großen Linien im Gesundheitswesen? Was wird angesichts der Einsparungen aus der Klinikreform? Wie wird es den Chroniker:innen gehen, wenn so viel Druck auf Krankschreibungen gemacht wird, die Frührenten verkürzt werden? Wie soll angesichts des demographischen Wandels der Pflegenotstand bewältigt werden, wenn der Druck auf pflegende Angehörige genau wie auf Migrant:innen wächst? Warum soll es kein Ehegattensplitting, wohl aber ein Ende der Mitversicherung bei Ehepartner:innen und bei der Witwenrente geben? Und warum gelingt es eigentlich nicht, einen wirklich großen Wurf wie eine einmalige Vermögensabgabe für Bildung oder Tageseinrichtungen durchzusetzen? Was tun wir sonst, um das Gerechtigkeitsgefühl in der Transformation zu stärken?

Die langen Linien sehen und die großen Fragen stellen – dafür soll Zeit sein, wenn Sommerpause ist. So wie wir im Urlaub einmal Zeit finden, auf das Miteinander in der Familie zu schauen oder mit Menschen aus ganz anderen Kulturen ins Gespräch zu kommen und vielleicht auch einmal in fremde Welten einzutauchen – in die Natur, in eine Lektüre, in einen Traum.

Keine Frage: wir brauchen diese stillen Wochen. Und es wäre schade, wenn wir sie einfach verplempern für ein Weiter-so. Mir geht jetzt öfter das biblische Sabbatgebot durch den Kopf: „Am siebten Tag sollst Du keine Arbeit tun – auch nicht Dein Sohn, Deine Tocher, Dein Knecht, Deine Magd, Dein Vieh – auch nicht der Fremde, der in Deinen Toren wohnt. ( Dt. 5,12f) Also Stille im ganzen Haus, in der gesamten Nachbarschaft. Damit das gelingt, gibt es im Judentum 39 „Arbeitsverbote“ vom Feuermachen bis zu langen Wegen – kleine und große Anweisungen, die ein schützendes Gitter um den Sabbat legen. Am 7. Tag wirst Du nicht an dem gemessen, was Du schaffst – jetzt kommt es darauf an, was du nicht tust! Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm hielt den Sabbat für die wichtigste Idee der Bibel. „Der Sabbat ist die Vorwegnahme der messianischen Zeit nicht durch ein magisches Ritual, sondern durch praktisches Verhalten, das den Menschen in eine reale Situation der Harmonie und des Friedens versetzt. Die andere Lebenspraxis verändert den Menschen“, schrieb er 1980.

So viel Vertrauen muss man erst einmal haben. Vertrauen, dass etwas Neues wirklich und wirksam wird, wenn wir das Gewohnte loslassen. Für mich heißt das: ohne Termine an meinem neuen Roman zu arbeiten – und alles drum herum zu vergessen. So genieße ich die stillen Tage in der Sommersonne, bis auch wir uns aufmachen.

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