Hermine – die Frau mit dem Diamanten

Heute ist der Geburtstag meiner Großmutter Hermine. Auf dem Foto, das sie mit ihrer Mutter Selma zeigt, sehe ich ein schön herausgeputztes kleines Mädchen, eng angelehnt, ja festgehalten von ihrer Mutter. Es war sicher nicht leicht, sich aus den „Fängen“ dieser selbstsicheren Geschäftsfrau zu befreien, die auch später das Leben der Tochter immer wieder mit bestimmte. Wenn das Geld knapp war und Hermine am Ende des Monats schon „in der fünften Woche“. Oder als Hermines viertes Kind, der kleine Wilhelm, am Keuchhusten starb. Da holte sie ihn ins Familiengrab. Dennoch gab es Geheimnisse in Hermines Leben, hier und da ein Besuch im Theater (das war nach ihrer pietistischen Herkunft der „Sündenpfuhl), und auch ein versuchter Schwangerschaftsabbruch. Mag sein, dass die Enge Hermine Angst gemacht hat – ich glaube, viele „Geheimnisse“ waren Befreiungsversuche. Sie heiratete jung – in der Blütezeit der Reformbewegungen vom Bauhaus bis zur Homöopathie. Ihr Bruder, der Volkswirt, schrieb eine Studienarbeit über Obdachlose. Das alles ging an ihrem Leben nicht spurlos vorbei.

Hermine, an die Frau mit dem Grübchen im Kinn. Wilhelm, ihr Mann, nannte sie „Stübgen“. Eine Frau mit weit geöffneten Armen, die immer etwas mitbrachte – am liebsten eingemachte Pflaumen aus dem Pfarrgarten. Ja, Pfarrfrau war sie auch – mit all den Verpflichtungen, Möglichkeiten und Gefahren. In der Nazi-Zeit lag oft auf dem großen, schwarzen Telefon ein abhörsicheres Kissen – das große Kissen aus der Kochkiste, das normalerweise die Speisen warm hielt. Wenn Wilhelm bei der Gestapo war, hatte sie Angst. In meinem Roman „Aber die Liebe“ werde ich davon erzählen – auch von Hermann, dem in der Ukraine „gefallenen“ und vermissten Sohn, auf dessen Rückkehr sie lebenslang wartete.

Sie war erst 60, als sie am Rosenmontag im Krankenhaus starb. Meine Mutter kam nicht über die gesperrte Rheinbrücke und musst von der Polizei hingebracht werden. In den letzten Jahren war es viel um ihr Herz gegangen, um ihre verborgene Traurigkeit – eine Depression vielleicht. Im „Dritten Reich“ konnte so eine Diagnose tödlich enden. Jetzt wurden neue Medikamente probiert Jemand brachte einen Diamanten ins Spiel. Den sollte man implantieren können. So stellte ich sie mir von da an vor – ich war ja erst acht Jahre alt: Die Frau mit dem Diamanten am Herzen. Schmuck trug sie kaum – immer die gleiche Kette, immer den gleichen Ring, in den „Jelängerjelieber“ eingraviert war. Aber in meiner Phantasie trug sie diesen unsichtbaren, glitzernden Diamant. Das passte zu ihr,

Sie hat mit Ängsten gelebt, immer wieder. Aber sie hatte eine Liebe, eine Großzügigkeit, die ich nicht vergessen werde. Weit über die Familie hinaus. Hermine, meine Großmutter, die sich auch als Erwachsene ihre Kleider schneidern ließ. Ein „gutes Stöffchen sollte es sein. Das hatte sie schon als kleines Mädchen gelernt.

May she rest in peace and rise in glory

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