Hybris und Fall – 40 Jahre Atom-Katastrophe in Tschernobyl

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ich bis 3 Uhr nachts fernsehe. Im Bett. Auf dem Handy, um meinen Mann neben mir nicht zu wecken. Diese Woche war es mal wieder so weit. Im Fernsehen lief ein Film über die Katastrophe von Tschernobyl.

Ich erinnere mich an den26. April 1986. Es war ein Samstag. Schon sonntags erreichte die radioaktive Wolke Deutschland. Am Dienstag war Konfi-Nachmittag. Ich erinnere mich an die vielen Fragen der Jugendlichen, die ich selbst kaum beantworten konnte. Und an die Ängste, die damit verbunden waren. Es ist merkwürdig, wenn man gefragt ist und doch selbst zu wenig weiß. Wenn Trostbedürftigkeit auf Unsicherheit trifft.

Ich erinnere mich auch, dass es bei Corona in den ersten Tagen ganz ähnlich war. Da saß ich gerade beim Friseur und sprach mit der Friseurin über die Frage, wie ich mich bei einer Zugfahrt am nächsten Tag am besten schützen könnte. Und ich sah ihren fragenden Blick: Müsste ich als Ältere nicht Erfahrung haben, wie man mit solchen Bedrohungslagen umgeht? Die Zugfahrt kam dann nicht zustande. Aber mir wurde bewusst, dass die Globalisierung und die rasante technische Entwicklung uns vor erschreckende neue Herausforderungen stellen. Aber wo uns das Rüstzeug noch fehlt, hilft vielleicht  eine Haltung, wie ich sie von meinen kriegserfahrenden Eltern gelernt habe: kühlen Kopf bewahren, ohne Furcht genau hinschauen und die Hoffnung bewahren, dass wir die Kraft haben, damit fertig zu werden.

Dabei ist es wichtig, aus vergangenen Katastrophen zu lernen. Als ich den Film sah, wurde mir aber klar, dass ich viel zu wenig wusste von dem, was damals geschehen war – und darüber wie es geschehen konnte. Denn es ging nicht nur um technisches Versagen, sondern auch und vor allem um menschliches. Da war zunächst die ungeheure Hybris der Sowjetunion in den 1960er Jahren. Damals brachten sie den ersten Menschen auf den Mond. Undsie bauten das größte Atomkraftwerk der Welt, das fast die gesamte Sowjetunion mit Strom versorgen sollte. Von Tschernobyl aus. Der Reaktor-Typ, der hier eingesetzt wurde – 5 Blöcke nebeneinander – wurde zuvor in Leningrad „erprobt“. Im laufenden Betrieb. Einen wirklichen Modellversuch hat es nie gegeben. Wohl aber schon Anfang der 1970er Jahre einen ersten Störfall.

Als man Tschernobyl hochzog, wusste man davon nichts – vielmehr begann man ab 1970 3 Kilometer vom Kraftwerk entfernt am Fluss Prypjat eine neue Stadt zu bauen. Eine moderne Planstadt Kindergärten, Schulen, Spielplätzen, Schulen, Krankenhaus, Schwimmbädern und Kulturzentrum. Immer mehr junge Leute zogen dorthin, bekamen ihre Kinder dort. Die junge, lebendige Stadt wuchs in den 1980 er Jahren auf 50.000 Einwohner.

Vom Störfall in Leningrad wusste keiner etwas, auch nicht im Kraftwerk. Und niemand kannte die Gründe für zwei weitere Störfällte, die in Tschernobyl eintraten. Man fühlte sich absolut sicher. Denn war verboten, miteinander über solche Probleme zu sprechen. Die Kommunikation sollte nur von unten nach oben laufen- und umgekehrt. Allerdings kam von oben nie etwas zurück – man konnte sich nicht sicher sein, dass sich an der Spitze jemand um die Probleme kümmerte. So war man dazu übergegangen, selbst Meldung an den Geheimdienst zu machen – in der Hoffnung, dass  wenigstens diese Meldungen in Moskau ankamen. So etwas wie eine Fehlerkultur gab es nicht. Nicht einmal eine gemeinsame Verantwortung. Es waren nicht nur die Sprechverbote, es war auch die Angst, seinen Job zu verlieren, wenn man über Missstände berichtete. Denn schließlich musste am Ende immer einer den Kopf hinhalten. Die eigene Karriere konnte da schnell zu Ende sein. Oder schlimmer noch: Man konnte irgendwo in Russisch Sibirien verschwinden.

Diese Mischung aus Angst und  Ohnmacht führte schließlich in die Katastrophe. Als am 26.4. nachts der Reaktor während eines Sicherheitstests außer Kontrolle geriet und schon zwanzig Minuten später explodierte und als schließlich die Reaktorkern freigelegt wurde, hatte niemand damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte. Schlimmer noch, man hielt es nicht für möglich. Und als um 6 Uhr morgens die Frühschicht eintraf – wie immer 5000 Männer –, und als die den Auftrag bekamen, die Rückstände aufzuräumen, da  wussten auch sie von nichts. Nur einige Führungskräfte hatten Geigerzähler und Dosimeter; die hatten schon in der Nacht gesehen, dass die Kontamination in diesem Block längst über 500 Millisievert lag.

Die Telefonleitungen zur Stadt und in der Stadt wurden schon in der Nacht stillgelegt. So spielten die Kinder am Nachmittag noch auf den Spielplätzen, als die  die radioaktive Wolke schon über der Stadt stand. Erst am Sonntage entschloss man sich zur Evakuierung – aber noch immer gingen alle von einem kurzen Ausflug aus. Währenddessen lagen die ersten 20 Männer auf der Strahlenabteilung des Krankenhauses in Prypjat. Viele hatten mehr als 3000 Millisievert abbekommen. Nur zwei überlebten die nächsten Tage.  

Es dauerte dann auch, bis sich der Kreml entschloss, eine kurze Pressemeldung heraus zu geben. Denn der Unfall geschah kurz vor dem 1. Mai, Gorbatschows erster Maifeier. Glasnost und Perestroika bedeutete, die Wahnvorstellung der Unverletzlichkeit, den Größenwahn in Frage zu stellen und den Gefahren ins Auge zu sehen. Weil wir eben keine Götter sind, die alles in der Hand haben, sondern Menschen mit Fehlern. Mit Fehlern, die über viele Generationen nachwirken. Das auszusprechen, erfordert viel Mut. Dass es Regierungen gibt, die aus dieser Erfahrung nichts gelernt haben – in Europa und den USA, ja, sogar in Japan, kann ich nicht verstehen. Was in den ersten Tagen half, war tatsächlich die  Erfahrung mit den Atomschlägen in Hiroshima und Nagasaki. Auf den Atomkrieg war die Sowjetunion vorbereitet – auf einen Atomunfall aber nicht. Man muss darüber reden, was geschehen ist. Dass das damals nicht geschah, hat das Unglück ermöglicht. Es ist zu wenig, dass wir nur mit einem Film in der späten Nacht daran erinnern. Für Hiroshima gibt es einen Gedenktag, Gedenkorte, Glockenläuten. Tschernobyl bleibt stumm. Vielleicht ist das so, weil es keinen anderen gibt, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Es geht um unsere eigene Hybris im Umgang mit Technik. Dass wir bis heute in Südbayern keine Maronen essen sollten, das habe ich erst jetzt wieder gelesen.

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