Die kleinen Zeichen zur großen Erzählung

Seit heute hängen vor manchen Haustüren in unserer Seitenstraße bunte Ostereier an den Sträuchern, Vorboten auf das , was kommt. Ein heller, blauer Himmel, blühende Forsythien, zwitschernde Vögel. Es wird Frühling.Wir spüren frische Energie, neue Lebenslust.  Die bunten Eier  symbolisieren diesen Neubeginn. Hier draußen sind sie meist aus Plastik, aber im Haus hängen auch kunstvoll bemalte am Osterstrauch. Manche haben wir aus der Lausitz mitgebracht, andere sind kleine Kunstwerke aus der Familie.

Dabei war das Osterei  ursprünglich  gar kein christliche Symbol. Aber es gehört schon seit 1000 Jahren zu Ostern. Als Zeichen des neuen Lebens, das aus dem Tod entsteht. So wie das Küken die Eierschale durchstößt, die Hülle hinter sich lässt und ins  Leben hüpft. Die Schale, die zurückbleibt, wurde bald mit dem leeren Grab  verglichen. Denn eigentlich geht es ja Ostern  um Jesus, der am Kreuz gestorben ist und zu einem neuem Leben auferstand.

„Die christliche Religion ist eine Metaerzählung, die jeden Winkel des Lebens erfasst und es im Sein verankert“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han. „ Der christliche Kalender lässt jeden Tag als sinnvoll erscheinen. Religiöse Festtage sind Glanz- und Höhepunkte einer Erzählung. Ohne Erzählung gibt es kein Fest, keine Festzeit, kein Festlichkeitsgefühl als gesteigertes Seinsgefühl, sondern nur Arbeit und Freizeit, Produktion und Konsum. Auch Rituale sind immer in einen Erzählkontext eingebettet.“

Manchmal habe ich Angst, dieser Erzählkontext könnte verloren gehen. Wenn wir Eier färben und aufhängen und nicht mehr so genau wissen, was das bedeutet. Wenn wir vergessen haben, dass das Osterfest sich um die Auferstehung Jesu dreht und  nur noch die freien Tage zählen und -hoffentlich- -genießen.

Byung-Chul Han meint, heute  herrsche  ein „Tsunami der Information“. Aber Information „ist kein Sinnträger, Sinn heißt ursprünglich Richtung. Wir sind heute bestens informiert, aber orientierungslos. Deshalb geht es heute meist um Problemlösung jenseits der Frage nach dem Sinn. Tatsächlich sehen viele ja inzwischen die Feiertage als Problemlösung für eine Wirtschaft ohne Produktivität. Wir könnten einfach einen davon streichen, höre ich. Und ich fürchte, das geschieht, wenn wir die Geschichte dahinter nicht mehr verstehen.

Am vergangenen Sonntag wurde im Auslandsjournal eine andere Geschichte erzählt, eine  aus Japan. Die Geschichte sei eigentlich traurig, sagte die Redakteurin,  aber am Ende hätte sie doch ein „österliches Glitzern“. Und so war es. Es  ging um eine Familie, deren zweite Tochter, eine junge Frau mit Behinderung, viel zu früh gestorben war. Zu dritt – die Eltern und die ältere Schwester – nahmen sie eine lange Reise auf sich, um einen Austernzüchter zu treffen. Seine Austern waren in der Lage, aus kleinen Aschekugeln – der Asche von Verstorbenen- Perlen wachsen zu lassen. 100 Aschekugeln ließ die Familie dort; sie sahen zu, wie der Züchter die Austern ins Wasser ließ.

Als  sie  dann nach einem halben Jahr wiederkamen, als der Züchter die Austern an Land geholt hatte und sie öffnete, waren daraus 40 leuchtende Perlen geworden. Sie schimmerten in verschiedenen Farben – wie ein Gruß der verstorbenen jungen Frau. Die Familie  verstand das als Verwandlung. Ganz so wie Jesus es beschreibt: Wenn das Senfkorn in die Erde fällt, wird daraus ein großer Baum. Im Sterben entsteht eine neue Gestalt. Zurück bleibt, was nicht mehr gebraucht wird. Die Auster. Die Schale. Die Asche.

Ich finde es faszinierend, wie  diese Erfahrung aus Japan uns die Ostergeschichte in Erinnerung rufen kann. Die Wandlung der Asche zu Perlen ist kein biblisches Bild – so wenig wie das Leben, das sich im Ei erneuert. Aber das spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Geschichte dahinter, die Geschichte Gottes mit Jesus. Und ich wünsche mir, dass ich  immer wieder an diese  große Geschichte erinnert werde, die mein Leben immer neu verändert.

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