
Freitagabend, 22 Uhr in der „Heute show“. Oliver Welke sucht Rat, wie er möglichst schonend mit seinem Erbe umgehen kann. Der hinzugezogene“ Notar“ kennt die Tricks, wie man möglichst viel Vermögen im Unternehmen und in der Familie hält – am Staat vorbei. „Da ist soviel möglich“, sagt der Mann in der Trachtenjacke mit bayerischem Akzent: „am Ende werden Sie sich freuen, endlich sterben zu können“.
Seit dieser Woche berät das Bundesverfassungsgericht wieder über die Erbschaftssteuer. Dabei geht es um die Ausnahmetatbestände, die dann entstehen, wenn ein Unternehmen vererbt wird und das Betriebsvermögen geschont werden soll. Eine Insolvenz des Unternehmers – sodas Argument der Familienunternehmer – könnte dazu führen, dass der Betrieb wegen de steuerlichen Belastung der Erben insolvent wird oder ins Ausland abwandert. Letztlich müsse ein Staat doch froh sein, Unternehmer und Unternehmerinnen zu haben, die Arbeitsplätze schaffen und den Wohlstand voranbringen, sagt auch die Bundeswirtschaftsministerin.
Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehen allerdings eine große Ungerechtigkeit. In Deutschland besitzen 3.300 Superreiche 23 Prozent des gesamten Finanzvermögens. Der Vermögenszuwachs aufgrund einer Erbschaft steigert die finanzielle Leistungs- und Handlungsfähigkeit zusätzlich und fällt den Erben ohne eigene Leistung zu. Das ist vor allem dann ungerecht, wenn dieses ererbte Kapital eben nicht in das Unternehmen und dessen Zukunft investiert wird, sondern ohne Nutzen für Quartier, Region oder den Staat als Finanzkapital an internationalen Märkten angelegt wird – und das passiert nicht selten.
Wo es tatsächlich nicht in erster Linie um den Erhalt von Gütern oder Arbeitsplätzen geht, ist es wichtig, noch einmal über das Erbschaftsrecht nachzudenken. Nicht nur wegen der Veränderungen an den globalisierten Finanz- und Immobilienmärkten, sondern auch wegen des demografischen Wandels, der unsere Gesellschaft zum ersten Mal im Nachkriegsdeutschland wieder zu einer „Erbengesellschaft“ werden lässt. Genauer: den Westen der Republik. Dafür gibt es zwei Gründe. Die Volkswirtschaften in den westlichen Demokratien wachsen kaum noch und auch der „Familienzuwachs“ hat erheblich abgenommen. Bereits heute fallen siebzig Prozent des Erbes auf einen oder höchstens zwei Begünstigte. So übersteigt die Erbsumme häufig bei Weitem, was jemand mit eigener Leistung erarbeiten kann.
Die Zahl der Stiftungen hat sich seit 2001 mehr als verdoppelt. Hier zeigt sich einerseits ein vielfältiges Bürgerengagement, andererseits finden wir aber auch große Unternehmensstiftungen, in denen noch vor dem Erbfall Familienvermögen gesichert und gemeinwohlorientiert weitergegeben wird – ganz wie die scherzhafte Szene in der Heute-Show zeigt. Dieser Veränderungsprozess weist aber auch auf ein Misstrauen gegenüber dem Staat und dessen Sozial- und Bildungspolitik hin.
Der Streit um die Erbschaftssteuer befeuert die Angst der Mittelschicht, ein solches Gesetz könnte auch kleine Erbschaften innerhalb der Familie betreffen. In Deutschland ist der Mittelstand ein wichtiger Stabilitätsfaktor. Handwerksbetriebe, Arztpraxen, Höfe wurden traditionell an die eigenen Kinder weitergegeben. Familie und Eigentum hielten die Gesellschaft zusammen, fasste mal ein juristischer Kollege seine Sicht auf den Mittelstand zusammen. Was ist aber dann, wenn die Familienformen sich ändern, wenn das Finanzkapital global abwandert?
Angesichts der großen Erbschaften verändert sich auch das Miteinander der Generationen. Es geht um die Boomer*innen, die in den 1970ern und 80ern geboren wurden. Manche von ihnen haben gar keine Erb*innen in der Familie und denken auch deshalb über eine Stiftung nach. Das zeigt der Newsletter von „Apfelbaum“, der seine Leser und Leserinnen in der dritten Lebensphase begleitet: beim Aufräumen, Loslassen, Knüpfen von Beziehungen, Gründen. Was kann ich tun, damit das Leben in der nächsten Generationen in guter Weise neu beginnen kann?
Die Frage beschäftigt mich auch, wenn es nicht um Materielles geht. Ich habe gelegentlich mit Diakonissen an diesem Thema gearbeitet, den Frauen, die sahen, dass ihre Lebensform keine Zukunft mehr hat. Wir haben überlegt, was für sie das „Tafelsilber“ war, das sie bewusst vererben wollten: Tischschmuck und Einrichtungsgegenstände, Bücher und Bibliotheken, Traditionen, Bräuche oder einfach eine Haltung der Zuwendung, des Absehens von sich selbst. Es war ein langer und manchmal schmerzhafter Gruppenprozess, sich offen auszutauschen und das Gemeinsame zu entdecken. Aber solche Prozesse halten das Miteinander lebendig. Und immer wieder frage ich mich, was denn mein oder unser Tafelsilber ist. Was muss ich loslassen, was will ich weitergeben?
Manchmal sehe ich auf den Diamantring, den ich an der linken Hand trage – ein Erbstück. Zuerst habe ich ihn an der Hand meiner Großmutter gesehen, dann viele Jahre an der meiner Mutter. Seitdem weiß ich, dass er eigentlich schon von den Urgroßeltern kam. „Je länger je lieber“ ist innen eingraviert – es war ein Trauring. „Du musst mit warmer Hand geben“ sagte meine Großmutter. Erben und Vererben – für sie hatte das mit den Beziehungen zu tun. Wenn die Sorge um das Vermögen Beziehungen zerstört und das Gefühl von Ungerechtigkeit entstehen lässt, dann stimmt etwas nicht. Dann müssen wir neu nachdenken.
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Kalt kalkulieren? Oder geben mit warmer Hand!
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