
Das „Danmarks Forsorgsmuseum“ in Svendsborg
An unserem Kühlschrank erinnert ein neuer Foto-Magnet an unseren Urlaub in Dänemark. Das kleine Bild, das da zu sehen ist, zeigt einen alten Mann in Arbeitshose, kariertem Hemd und Schlapphut und ein kleines blondes Mädchen an seiner Hand. Sonntagskleidchen, weiße Söckchen und sauber geflochtene Zöpfe. Ein ungleiches Paar. Wir haben die beiden im letzten Armenhaus Dänemarks in Svendborg entdeckt, genau gesagt – im Armenhaus-Museum, das uns die Geschichte der staatlichen Fürsorge für Arbeitslose, Obdachlose, Sieche und verwahrloste Kinder erzählt. „Wir werden Euch nicht vergessen“, steht über dem Eingang.
Wer durch die gut erhaltenen Räume geht, kann Leben und Geschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern erleben. Mit Fotos, Videos und Erinnerungsstücken. Da ist die Bank, auf der die Kinder geschlagen wurden, wenn sie etwas „ausgefressen hatten“, die Zelle, in die eingeschlossen wurde, wer sich nicht an die Regeln hielt, ein Brief an die Mutter. Wir sollen sie nie vergessen – auch die „Unwürdigen“ nicht (so wurden sie tatsächlich genannt) die weder arbeitsfähig noch arbeitswillig waren. Würde ist ein zentrales Thema dieser Räume – und ich spüre, wie viel das mit Erinnerung und Begegnung zu tun hat. Davon erzählt auch das kleine Foto von dem alten Mann und dem kleinen Mädchen. Die beiden haben hier gewohnt – er als „Bewohner“ der Anstalt, sie als Tochter des Hausmeisters. Wie die beiden sich an der Hand halten, das zeigt eine grenzüberschreitende Zusammengehörigkeit und Zuwendung. Das zeigt Würde.
Das Museum lädt uns ein in die Welt der Jahre 1872-1974. Hier lebten „Menschen die nicht für sich sorgen konnten neben denen, die die Gesellschaft nicht sehen wollte“, heißt es im Prospekt. Besonders interessant fand ich die Begleitung durch Fragen an die Besucher und Besucherinnen auf den ausgestellten PCs. Fragen, die sich weniger um die Geschichte drehten, als um die Jugendhilfe, die Arbeitslosen-, oder Obdachhilfe von heute. Wie sollte der Kontakt zu den Eltern sein? Wie kann es gelingen, dass Arbeit einem Menschen seine Würde wieder gibt? Wie stehen Sie zu körperlichen Strafen? Fragen von heute mitten in einer historischen Ausstellung – offenbar wird hier eine Kontinuität angenommen, die ich bei uns nicht kenne.
Die Geschichte der Fürsorge in Deutschland ist voller Brüche: von den ersten Häusern, die Johann Hinrich Wichern einrichtete über die Jugendhilfe der Weimarer Republik bis zu den Jugendlichen und „Arbeitsscheuen“ in den KZs. Und von den Jugendwerkhöfen bis zu unserem Jugendhilfegesetz, das Selbstbestimmung und eigene Entwicklung in den Vordergrund rückt. Wer möchte da schon von Kontinuität sprechen? Nach der NS-Zeit haben die ersten und zweiten Generationen großen Wert darauf gelegt, dass nichts mehr war wie früher – und als dann eben doch vieles so geblieben war, wurde Ende der 1960er Jahre im Westen noch einmal gründlich aufgeräumt. Da kam – auch mit Ulrike Meinhof – das Ende der geschlossenen Heime und Anstalten. Und zunächst in Italien begann die offene Gemeindepsychiatrie in den Wohnbezirken. Auch die, die unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen oder psychisch krank waren, sollten gesehen werden! Und etwas spüren von der eigenen Würde.
Inzwischen haben wir in den Hilfeeinrichtungen von Diakonie und Caritas lernen müssen, dass es Situationen gibt, in denen eine geschlossene Einrichtung ein safe space sein kann – während wir zugleich bis hören müssen, wie viel Elend und Missbrauch es noch in der Nachkriegszeit in unseren christlichen Heimen gab. Es war hilfreich, in diesem dänischen Museum auf die Kontinuität der Fragen und Probleme gestoßen zu werden – gerade weil wir aus einem Land kommen, in dem man Wert darauf gelegt hat, nach den Brüchen immer wieder ganz neu anzufangen. Heute wissen wir, wieviel wir noch mitschleppen.
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