Großvaters Koffer

Viele Romane beginnen damit, dass jemand einen alten Koffer auf dem Speicher findet – einen Koffer voll mit Briefen, Dokumenten und Fotos. Schnell zeigt sich, dass der Koffer ein Familiengeheimnis enthält, eine Geschichte, von der niemand erzählt hatte. So einen Koffer haben wir auch- nur, dass ihn niemand verheimlicht hat. Ganz im Gegenteil: Großvaters Koffer wurde von Generation zu Generation weiter gegeben, von Umzug zu Umzug besonders behütet – so sehr, dass mein Respekt immer mehr wuchs. Ich wusste, was drin war: Briefe, Akten, Tagebuchnotizen aus einem Pfarrhaus im Nationalsozialismus. Ein Schatz, aber kein Geheimnis. Oder ?

Solange ich nicht drin gelesen habe, weiß ich nicht, welche überraschenden Einsichten mich erwarten. Ich bin jedenfalls ziemlich sicher: Da ruht einiges, womit ich mich auseinandersetzen muss. Es geht darum, wie diese Zeit unsere Familie geprägt hat. Wahrscheinlich ist das der Grund für meinen Respekt. Der Grund dafür, dass ich den Koffer lange nicht angerührt habe. Bis vor kurzem war es mir wichtiger, auf meine eigene Geschichte und meine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten zu sehen. Jetzt aber, nach meinem jüngsten Buch über den „Epochenbruch“, bekam ich Lust, mich noch einmal mit dem Epochenbruch in den 1930er Jahren auseinander zu setzen. Ganz persönlich.


So habe ich das gute Stück nach oben geholt- einen alten, durchaus schweren Lederkoffer. Er war verstaubt- wir mussten ihn säubern, bevor wir ihn öffnen konnten. Dann sprangen die Spangen aus den Schlössern- verschlossen war er nicht. Ich versuchte mir einen Überblick zu verschaffen, schob Akten und Protokollbücher hin und her und entdeckte bekannte Namen, Organisationen, Gemeinden in den Briefen. Und fand eine Adresse, nach der ich seit langem gesucht hatte. So wuchs meine Lust aufs Lesen, entdecken, forschen. Und die Vorfreude auf die weitere Recherche im Archiv nächste Woche. Eine wissenschaftliche Arbeit soll es aber nicht werden- vielleicht tatsächlich ein Roman.


Mich interessiert die Geschichte, die in den Akten nur wenig abgebildet sein wird. Die private Geschichte „dahinter“, die aber eng mit der beruflichen verbunden ist. Die Großmutter interessiert mich. Die Frau im Schatten, die in den Pfarrhäuser, in denen die Familie lebte, fünf Kinder geboren und erzogen und davon zwei Söhne verloren hat. Und darüber verzweifelte. Die Großmutter, die mich mit Einmachgläsern voller Aprikosen und Pflaumen besuchte, als ich die Masern hatte. Und viel zu früh starb, als ihr großes Herz nicht mehr mitmachte. Die Geschichten, die ich in dem alten Koffer nicht finde, will ich erzählen – aus der Erinnerung, anhand von Fotos, mit meiner Phantasie. Autofiktional.


Wie Fiktion und diese historischen Akten zusammen passen, darauf bin ich selbst gespannt. Wie gehe ich mit den Bruchstellen, mit den weißen Flecken um? Was fülle ich aus, was soll offen bleiben? Und wieviel Raum soll unsere Gegenwart dabei bekommen – die Perspektive, aus der ich heute darauf schaue? Ich weiß es noch nicht. Aber genau deshalb freue ich mich auf die Schreibarbeit. So steht der alte Koffer jetzt neben meinem Schreib-Tisch mit den alten Fotos und Karten. Eine Einladung zu Forschen und Träumen. Vielleicht haben Sie auch noch so einen Koffer im Keller? Oder ein Tagebuch, ein altes Fotoalbum vielleicht? Was könnte daraus werden?

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