Bücher muss man nicht mehr kaufen

„Bücher muss man nicht mehr kaufen“ leuchtet diese Nacht ein Post auf X auf.  Beim Durchscrollen entdecke  ich jede Menge Informationen zu digitalen Bibliotheken, Adressen, bei denen  ich kostenlose E-Books zum Ausleihen oder zum digitalen Download finde.

Mit einer Mischung aus Sentimentalität und Liebe zum Anfassbaren denke ich an unsere eigene Bibliothek, in der ich sozusagen liege – auch im Schlafzimmer gibt es hier Bücherregale. Hier sehe ich nicht nur die Titel, die Farben, die Größe eines Buches – ich erinnere mich auch daran, wann und in welchem Zusammenhang ich es gelesen habe. Bücher sind Mitbringsel aus einer Lebensphase.

Meine Bibliothek hat mein Leben geprägt, meinen Horizont erweitert, mich in Auseinandersetzungen geführt, mir Geschichten erzählt – mich wachsen lassen. Ich liebe es, an den Regalen entlang auf Entdeckungsreise zu gehen und mir Anregungen zu suchen für einen Vortrag, einen Artikel. Aber klar: wenn ich nicht finde, was ich suche, dann gehe auch ich ins Netz, wo sich manches eben schneller finden lässt – pragmatisch und zielgerichtet.

Ist das wirklich „meine Bibliothek“? Als ich neulich mit meiner Schwester zusammen aufräumte, wurde schnell klar, dass viele  der geerbten Bücher, die unser Haus füllen, gemeinsames Erbe sind.  Was hier steht, wird sie vielleicht nicht noch einmal kaufen. Wenn ich selbst früher in der  elterlichen Bibliothek stand, hatte ich dieses Gefühl: Ich brauchte nicht neu zu kaufen, was mir ohnehin gehören würde. Schneller als ich dachte, wird aus der geerbten Bibliothek mein Vermächtnis – an Schwestern, Nichten und Neffen. Die Bücher gehören mir nicht – ich bewahre sie nur auf. Dabei ist gar nicht sicher, ob die nächste Generation noch etwas damit anfangen kann. Mit soviel gedrucktem Papier, schweren Umzugskisten, deckenhohen Regalen. Das schränkt die Mobilität erheblich ein. 4000 Bücher habe sie beim letzten Umzug abgeben müssen, erzählte neulich eine Kollegin – und dabei nur geweint.

Ich habe noch einmal  angefangen, neu zu sortieren – so wie  mein inneres Mindmap sich im Leben und Lesen verändert hat. Und schon einmal auszusortieren, was ich endlich wegwerfen kann – damit die schönen, die wertvollen Bücher zum Leuchten kommen. Manches  gehört bald ins Archiv – das allerdings  sagt sich leichter als es zu organisieren. Ich weiß noch, wie Vaters alte Bücher mich bedroht haben, wenn ich darin las – so vieles war da schon unterstrichen, von vielen hatte ich keine Ahnung, verstand nicht, was ich las. War mein Kopf hohl oder doch das Buch?  

Ich gebe den Büchern Raum, mit denen ich heute  gern arbeite. Geerbten und gekauften. Zusammen mit denen meines Mannes folgt das längst einer neuen Ordnung zwischen Geschichte und Kirchengeschichte, Theologie und Philosophie. Es geht um Leselandschaften, Arbeitswege, Entdeckungen – nicht um  Eigentum. Längst sieht es nicht mehr so aus wie in Vaters Bibliothek – aber ich spüre seine Gegenwart, wenn ich hier sitze und arbeite. Viel mehr, als wenn ich nebenan zum Friedhof gehe.

Der Tod der Eltern hat uns gezwungen, auch äußerlich anzubauen. Die doppelten  Bibliotheksregale, die dabei entstanden sind, gefallen mir besonders gut. Jetzt träume ich von  einer kleinen Leiter, am liebsten einer gedrechselten. Und von einem bunten Kissen in meinem Lieblingssessel. In den letzten Jahren habe ich nicht so oft hier  gesessen, weil ich viel unterwegs war. Das hat sich geändert. Langsam wird aus der Arbeitsbibliothek ein Leseort. Ein Lebensort. Und mehr und mehr auch  eine Mediathek. Mit Hörbüchern und digitalen Texten im PC. Aber die Schönheit dieser Räume finde ich im PC nicht – dort kann man nicht spazieren gehen, sich nicht verlaufen und viel schlechter träumen.

 Das Netz bleibt ein Ort zum Suchen, Entdecken, Kaufen. Unsere Bibliothek ist noch immer mein Zuhause.  

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