
Am vergangenen Donnerstag beriet der Bundestag einen Antrag der Fraktion „Die Linke“. Es ging um einen kostenlosen Mittagstisch an jeder Schule und an jedem Kindergarten. Eine Forderung übrigens, die auch vom Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ aufgestellt wurde. Unwillkürlich dachte ich an die vielen Ganztagsschulen, die in den letzten Jahren entstanden sind – nur ein Fünftel davon hat eine Kantine. Da sitzen die Kids also in einer Klasse oder auf dem Schulhof mit ihrem Pausenbrot oder einer Tüte Chips und einer Cola? Die Zeit, in der wir mittags nach Hause kamen, wo „die Mutter auf Dich wartet“, ist lange vorbei, aber unsere Schulen haben sich noch nicht darauf eingestellt. Noch immer hängt alles davon ab, was die Eltern Dir mitgeben. Gott sei Dank gibt es auch ganz tolle andere Erfahrungen: neulich hörte ich von einer Schule mit Schulküche, in der immer eine andere Klasse eine ganze Woche lang mitkochen und mitbestimmen durfte: Kochen, worauf sie Lust hatten. Nicht nur Kartoffeln schälen und Karotten schneiden.
Die Bundestagsdebatte fand am Donnerstag vor Pfingsten statt. Unwillkürlich hatte ich ein pfingstliches Bild vor Augen. Ich sehe einen großen Tisch mit vielen unterschiedlichen Menschen. Sie kommen vor allem aus Jerusalem, aus Griechenland und dem gesamten östlichen Mittelmeerraum. Es sind Kaufleute, Touristen, Menschen auf einer Pilgerreise, Juden und Jüdinnen aus dem ganzen römischen Reich, die nach Jerusalem gekommen sind, um das Wochenfest zusammen zu feiern. Sie alle haben gehört, wie Petrus über Jesus redete, haben seine Freunde und Anhängerinnen getroffen und waren geradezu mitgerissen von dem Geist, der da zu spüren war.
Und nun sitzen sie da zusammen an einem Tisch. Einheimische und Fremde, Frauen und Männer, Arme und Reiche. Christinnen und Christen jetzt. Und sie teilen, was da ist. Manche sitzen zusammen vor Kopf – das sind die Macher, die Organisatoren, die dafür gesorgt haben, dass die Tische hier aufgestellt wurden, dass Brot und Schafskäse gebracht wurden. Mache haben wirklich Hunger, sie haben länger nichts zu essen bekommen – aber sie sitzen unten und kommen zuletzt dran. Die Bibel erzählt, wie am Ende trotzdem alle satt werden. Teilhabe, Beteiligung ist das Geheimnis. Es geht da nicht um großzügiges Abgeben – es geht darum, dass jede und jeder gleich berechtigt ist. So entsteht eine Tischgemeinschaft.
Aber darum ging es nicht in der Bundestagsdebatte, Es ging nicht darum, ob die Kinder wenigstens einmal am Tag mit anderen am Tisch sitzen, statt nur aus dem Kühlschrank zu leben. Debattiert wurde über Ernährung. Denn im Antrag stand, es solle ein gesundes und möglichst pflanzliches Mittagessen geben. Was also brauchen Kinder, um gesund aufzuwachsen? Und was ist mit den Familien, die sich das nicht leisten können? Sollte man die unterstützen? Mit Geld, mit Familienbildung? Unversehens ging es nur noch um die, die unten am Tisch sitzen und nichts abbekommen von den reichen Gaben.
In der Art, wie wir über Armut sprechen, klammern viele von uns ganz selbstverständlich die Reichen aus – ganz ähnlich wie beim Armutsbericht. Das reißt einen Graben auf, macht schon bei Tisch die Unterschiede zum Thema. Tischgemeinschaft entsteht so nicht. Ist es also pure Romantik, wenn die Bibel davon erzählt, wie Einheimische und Fremde, Männer und Frauen damals zusammen aßen und wie alle satt wurden? Vielleicht ist es ein Idealbild, das uns da vor Augen gestellt wird. Aber für mich zeigt es eben auch, was Menschen brauchen, um zu wachsen. Vitamine und Proteine reichen nicht; wir brauchen auch Gemeinschaft.
Ich hätte für das kostenlose Schulessen gestimmt. Genau wie der Beirat „Ernährung im Wandel“ – das ist seine Empfehlung Nummer eins! Und wie so viele Schulen in London und ganz England, die wenigstens die Grundschüler komplett subventionieren, und in vielen Ländern des Südens, wo die Kinder sonst vor Hunger nicht lernen könnten. Es ist falsch, daraus eine parteipolitische Frage zu machen. Aber auf die Prioritäten kommt es an.
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An einem Tisch – Pfingsten und das Schulessen
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