Spiritualität  entdecken – immer wieder neu!

Vor 14 Tagen habe ich einen ich einen Workshop mit Kolleg; innen im Ruhestand gestaltet. Es ging darum, wie sich Spiritualität im Alter verändert. Was ich im Vorfeld zum Thema gelesen habe, zeigte die grundsätzlichen Entwicklung: Religion ent-institutionalisiert sich. Spiritualität wird vielfältiger, offener für alle Formen von Achtsamkeit – von Körpererfahrungen bis zum Naturerlebnis. Glauben, das wissen wir ja längst, wird mehr und mehr zur Privatsache. Und was für die ganze Gesellschaft gilt, gilt erst recht bei den Älteren. Schon deshalb, weil wir körperlich nicht mehr so mobil sind, – zugleich aber Zeit haben, zu reisen und andere Kulturen zu entdecken. „Mit dem Alter kommt der Psalter“, habe ich mal gehört. Aber so ist es längst nicht mehr. Auch mit dem Glauben wollen wir nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden, sondern Neues entdecken, selbst gestalten. Ein Stück auf dem Pilgerweg, ein Chor, eine Yogagruppe oder Zen-Meditation sind da genau richtig.

Und wie geht jetzt es denen, die Jahrzehnt lang selbst für die Institution standen? Wie sie in der neuen Freiheit ihre Spiritualität leben, was sie dabei entdecken, könnte für die Kirche wichtig sein. Vorausgesetzt: Wir reden ehrlich darüber.  Bei dem Workshop zeigte sich: bei allen Neuentdeckungen kehren manche auch gern zu ihren frühen Erinnerungen zurück. Bestimmte Lieder, Gebete, Gewohnheiten haben damals den Glauben geformt. Was wollen sie davon an andere weitergeben? Vielleicht Lieder wie „Wir pflügen und wir streuen?“ oder „Vom Himmel hoch da komm ich her?“ Mit Weihnachtsliedern ist es am einfachsten. Und mit allem, was mit bestimmten Traditionen verbunden ist -dem Erntedanktisch, dem Gute-Nacht-sagen, dem gemeinsamen Frühstück. Es sind die Gewohnheiten, an die die Worte andocken.

In unserer Küche steht ein Brotteller aus meiner Kindheit. Um den Rand ist eine Bitte aus dem Vater-Unser eingeschnitzt: „Unser tägliches Brot gibt uns heute.“ Er hat eine schwarze Stelle – da ist er mal am Ofen angebrannt. So ist er unverkennbar unserer. Wenn ich den Brotteller in die Mitte auf den Tisch stelle, sehe ich gleich alle vor mir, die früher mittags und abends um den Tisch saßen. Aber auch diese Tradition bricht. Heute sitzen mein Mann und ich meist zu zweit am Tisch. Und andere sind froh, wenn sie einmal In der Woche – sonntags vielleicht – zusammen frühstücken. Was kann an die Stelle treten?

In welchen Räumen lebt die Spiritualität der 10-jährigen , der 16-Jährigen heute ? Welche Gewohnheiten, welche Musik trägt sie? Unterwegs im Zug? Vor einer wichtigen Prüfung? In Trauer? Rund um Herbert Grönemeyers Geburtstag fiel mir auf, wie viele die Lieder von der Platte „Mensch“ abspielten, die Trostlieder rund um den Tod seiner ersten Frau. „Weil immer was geht.“

Wir müssen viel mehr aufeinander hören. Auch im Gespräch zwischen den Generationen. Wo findet Ihr Trost? Was macht Euch stark? Was hat geholfen und was gerade nicht? Als ich ein kleines Mädchen war, wurden bei meinen Großeltern noch alte Psalmlieder gesungen. Eines ging mir dieser Tage durch den Kopf, eine Bitte: „Dass auch die Enkel Gott, wie wir ihn fanden, finden“. Die Jungen müssen selbst finden, was sie trägt. Genauso wie die Älteren. Traditionen kann man weitergeben – aber wie sie gestaltet werden, hängt von denen ab, die sie brauchen.

Wir reden gerade viel über Kirchenentwicklung und Kirchenreform. Meist geht es um Finanzen, Strukturen, Personal. Im Workshop ging es darum, wie der Glaube lebendig bleibt. Wie Spiritualität sich ändert.              

Impulse direkt per E-Mail erhalten

Abonnieren Sie den Blog und erhalten Sie neue Beiträge automatisch in Ihr Postfach.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben scrollen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x