„Memento mori“ und „ Carpe diem“: 

Der Weg von unserem Haus in die Stadt führt über die Dorfstraße am Friedhof vorbei. Vorgestern stand der lange Bürgersteig voll geparkter Autos; genauso die Parkplätze am Friedhof und an der Grundschule. Vor dem Friedhofseingang sammelten sich schwarz gekleidete Männer und Frauen, manche auch in Uniform – Schützen, Reiter. Eine große Landbeerdigung. Und das alles in dieser Hitze!

Erinnerungen aus dem 80er Jahren fangen mich ein. Es gab eine Woche, in der ich fünf Beerdigungen hintereinander hatte – damals war auch schon einmal Personalmangel, die andere Pfarrstelle am Ort war nicht besetzt; – so war ich für fast 6000 Mitglieder „zuständig“. Wenn es im November fror, wenn im Februar der Winter zu Ende ging oder eben auch in der Sommerhitze hatte ich deshalb nicht nur eine oder zwei Beerdigungen in der Woche, sondern auch mal vier oder fünf. (Was der Winter nicht nimmt, räumt das Frühjahr ab, sagten unsere Träger, bevor sie noch einen Schluck Likör nahmen – alle zugleich, auf das Leben.)

Damals hatte ich Angst, meine Gottesdienst-Kladde zu Hause zu vergessen oder – noch schlimmer – einen Namen zu vergessen. Es sollte persönlich bleiben; ich wollte mich nicht distanzieren von dem, was geschah. Der Talar war Distanz genug. Aber die „Leichenhalle“ sorgte dann dafür, dass die Betroffenheit nicht verloren ging. Damals hatten wir auf dem evangelischen Friedhof noch keine Kühlhalle, und so standen da manchmal drei offene Särge in der Vorhalle, durch die ich zur Kanzel ging. Da kamst Du nicht d ran vorbei. Vorgestern in der Sommerhitze dachte ich an den süßlichen Geruch, der in der Luft lag.

Ich blieb vor den Särgen stehen – das waren fast alles Menschen, die ich morgen oder übermorgen beerdigen würde. Also hinsehen, bevor Du die Augen schließt. Ich werde den Tag nicht vergessen, an dem ich vollkommen „fertig“ war, erschöpft, gestresst. Ich sah in das Gesicht der Frau, die dort lag und dachte nur eins:“ Noch lebst Du“. Du gehörst zu den Lebenden. Nimm wahr, was um dich herum geschieht, was Du fühlst, was Du tun kannst. Und ich spürte, wie ich mich streckte und aufatmete. So gestärkt ging ich weiter in die große Halle. Ich habe diesen Moment der Meditation nie vergessen: „Memento mori“ und „carpe diem“ gehören zusammen. Aber eben auch eine „harte Schule“.

Damals – das war eine komplett andere Welt: In der gab es den evangelischen Friedhof mit dieser einfachen Leichenhallte. Da gab es diese Schreiner, die den/die Pfarrerin informierten, wenn jemand gestorben war – so wie sie von uns informiert wurden, Es gab die bekannte Organistin und unsere „Träger“, die mit der Zeit zu Vertrauten auf dem Weg wurden. Dabei war der Friedhofsgärtner ein Eckpfeiler. Er führte meine Konfis an einem Nachmittag über den Friedhof, erzählte von der „Stadt der Verstorbenen“, von denen er nach jahrzehntealter Arbeit in der Familie viele kannte. Manche entdeckten verwandte Namen, viele stellten ein bemaltes Glaslicht auf – für eine/n Unbekannte/n. Auch so entsteht Empathie.

Das erste Bestattungsinstitut, in dem auch Beerdigungen gehalten werden konnten, ließ sich in den 1980ern in der nahen Stadt nieder, immer mehr Ausgetretene wurden bestattet. Und als ich in den 190ern in Düsseldorf arbeitete, hingen dort große Plakate der Notfallseelsorge, weil ja die Pfarrer/innen doch nicht immer erreichbar und die Vertretungen nicht verlässlich geregelt waren. Kurz darauf, ich war inzwischen Landeskirchenrätin, stellte eine Gemeinde den Antrag, ein eigenes Bestattungsunternehmen aufzumachen – es wurde nicht genehmigt. Immer öfter übernahmen jetzt Bestatter wie Fritz Roth (der mit dem Koffer für die letzte Reise) auch gleich die seelsorglich-spirituelle Ansprache. Ich erinnere mich an einen meiner Vikare, der Ende der 1980er Jahre an den Zahlen zeigte, wie eine Kernkompetenz der Kirche abwanderte. In meiner Überlastung fand ich das damals nicht bedrohlich – es war anstrengend, bei der großen Zahl von Beerdigungen neben all den anderen Aufgaben, die Qualität zu halten. Als ich Mitte der Nuller-Jahre einen Workshop auf der Messe „Leben und Tod“ hielt, konnte ich sehen, wie anderswo die Angebote wuchsen – nicht nur für Meschen, die aus der Kirche ausgetreten waren. Inzwischen ist auch der Friedhofszwang ist in vielen Ländern aufgehoben, eine boomende Branche ist entstanden, wie man inzwischen in Fernsehsendungen sehen kann. Und dass Bestattungen auch mal zu den Kernkompetenzen meiner Berufsgruppe gehörte, ist für viele unvorstellbar. Ich erinnere mich an den Kollegen im Coachingkurs, der mich nach meinen Erfahrungen mit Tod und Trauer fragte – und nicht glauben konnte, dass ich inzwischen an die 600 Beerdigungen gehalten habe.

Was ich damals noch erlebt habe- das Zusammenwirken von Kirche und Handwerk, die konfessionellen Friedhöfe mit dem Team von Berufsgruppen, die Beteiligung von Nachbar:innen , Kolleg:innen und Vereinen – hat heute Seltenheitswert. So wie gestern hier auf dem Dorf. Jetzt kommt es darauf an, die neue Freiheit und Flexibilität zu nutzen – denn auch ein Herausschieben der Beerdigungen war natürlich ohne Kühlzellen nicht möglich. Ja, es ging viel verloren – der Zusammenhalt ist auseinandergebrochen. Das war kürzlich noch Thema im Plenum einer Tagung zur wachsenden Einsamkeit. Besonders schlimm trifft es die Armen und Einsamen. Die Zahl der „Billigangebote“ und der Beerdigungen ohne Verwandte wächst. Da sind die Kirchen wieder gefragt mit Antoniusvereinen und neuen Begleitgruppen.

Meist können wir heute das Ritual so gestalten, wie es den Verstorbenen entspricht und den Zugehörigen gut tut. Dabei ist viel von der Hospizbewegung zu lernen – genauso wie von Sterbeammen und freien Redner.innen. Die Friedhöfe, auf denen sich immer weniger und kleinere Gräber finden, können neu genutzt werden – mit Trauer- Café in der verwaisten Halle, mit einem Brunnen in der Nähe des kleinen Friedwalds, einladenden Bänken, Skulpturen, die Geschichten erzählen. Das „Memento mori“ und „Carpe diem“ findet vielleicht auch anderswo statt – möglicherweise im Bestattungsinstitut, wo Kinder und Freunde den Sarg bemalen. Ja, mein Vikar hat damals gespürt, dass eine Kernkompetenz verloren ging – aber das bietet auch die Chance, neue Netzwerke zu knüpfen, von und mit der Zivilgesellschaft zu lernen, auf die Armen und Einsamen zu achten, Zusammenhalt wie Rituale neu zu gestalten und unsere eigenen spirituellen Erfahrungen ganz persönlich  einzubringen. Ohne Überlastung und Erschöpfung, wie ich es damals erlebt habe – sondern so, dass es uns selbst auch gut tut. Die „harte Schule“ kann ja auch hart machen. Und der ritualisierte Zusammenhalt kann zum sozialen Zwang werden.

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