Kostbarkeiten

Auf der alten Kommode meiner Großmutter in unserem Ferienhaus stand eine große Schüssel aus Keramik. Beige mit roten Blüten. Daneben eine passende Kanne. Fein und liebevoll dekoriert wie ein Kaffeegedeck in groß. Es war aber keine Suppenschale, es war kein Milchkännchen, sondern eine Wasserkanne mit Waschschüssel. Dazu gab es Olivenseife und weiße Leinentücher aus grobem Stoff

Ich habe das alles nie in Funktion gesehen – es war nur noch eine schöne Erinnerung an Großmutters Zeiten. Denn in dem Haus gab es längst Waschbecken und eine Badewanne, auch wenn der Badeofen jedes Mal neu angeheizt werden musste. Anders als in unserem Alltag gab es in der Ferienwohnung noch keine Zentralheizung und kein fließend warmes Wasser.

Manchmal, wenn ich unter der Dusche stehe und mich unter dem strömenden Wasser entspanne, muss ich daran denken. Unter der Dusche kann ich Schweiß und Schmutz abwaschen, ich kann mich frisch machen für den Tag oder am Abend den Stress im Nacken loswerden. Und ich kann laut singen, wonach mir gerade ist. Manchmal Schlager und manchmal Choräle.

Dass ich diese Momente dem fließenden Wasser verdanke, das vergesse ich leicht. Es scheint so selbstverständlich, dass ich duschen kann. Einmal, oft sogar zweimal am Tag. Ich erinnere mich, dass es in den 1980er und 1990er Jahren in den USA für viele normal war, zwei- oder dreimal oder sogar öfter zu duschen. Es sollte noch bis in dieses Jahrhundert dauern, bis sich auch bei uns das Bewusstsein entwickelte, wie verschwenderisch wir mit Wasser umgehen.

„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommet her zum Wasser! und die ihr nicht Geld habt, kommet her, kaufet und esset; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch“, heißt es beim Propheten Jesaja (Kap 55,1)

Irgendwas müssen wir da missverstanden haben. „Die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser“. Oder „kauft ohne Geld“? Große Lebensmittelfirmen pumpen das kostbare Grundwasser ab und erzielen mit der kostenlosen Entnahme große Gewinne. Mineralwasser ist eben nicht umsonst. Aber die, die in der Nachbarschaft leben und das Wasser brauchen, gehen leer aus. Die Armen, die Durst haben, können sich das Wasser nicht kaufen. Der Grundwasserspiegel sinkt, das Eis schmilzt und die Wüsten breiten sich aus. Immer früher im Jahr setzen die Notfallmaßnahmen verordnen. Den Garten nicht sprengen, kein frisches Wasser für die Toilettenspülung nutzen. Das kostbare Nass nicht verschwenden. Denn ohne Wasser können wir nicht überleben.

Ja, wir müssen da irgendwas missverstanden haben. Gott hat uns das Wasser geschenkt, sagt Jesaja. – Wir müssen es nicht bezahlen – es ist unbezahlbar –, aber wir sollen auch keine Gewinne damit machen.

Frisches, fließendes Wasser ist eine Kostbarkeit. Das würde wahrscheinlich auch die junge Frau im Südsudan sagen, bei der ich einmal mit einer Kollegin übernachtet habe. Da gab es weder Strom noch fließendes Wasser – und natürlich keine Klimaanlage. Nach einer dunklen, schwülen Nacht ging unsere Gastgeberin am Morgen mit einer großen Metallkanne zum Brunnen, um Wasser zum Waschen zu holen. Sie kam nach einer halben Stunde zurück, schüttete einen Teil in eine große Waschschüssel wie die meiner Großmutter und später, als ich eingeseift war, schüttete sie mir das restliche Wasser über Kopf und Schultern. Eine „Dusche“, die mich die Kostbarkeit des Wassers Tropfen für Tropfen spüren ließ. Wie es ihr gehen mag? Jetzt, im Krieg?

Die Erinnerung an solche Momente ist hilfreicher als der erhobene Zeigefinger. Wenn wir einander die Füße waschen – im Sommer auf der Straße. Wenn wir am Meer oder im Fluss stehen und die Kleinen taufen. Und manchmal auch die Großen, die dann mit uns eintauchen.Oder wenn wir zum Essen ausgehen und zuallererst etwas zu trinken bekommen – gern auch einfach ein Wasser aus der Leitung. In der Glaskanne auf dem Tisch wird es zum Geschenk.

Cornelia Coenen-Marx, coenen-marx@seele-und-sorge.de.

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